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17 | 12 | 2018
10. Bayreuther Gespräche Drucken E-Mail

Zum zehnten Mal seit 2005 veranstaltete die Wilhelm-Leuschner-Stiftung am 27. September 2014 ein  Symposium zum Widerstand gegen das NS-Regime in Europa während des 2. Weltkriegs in der Bayreuther Zamirhalle. In diesem Jahr gab die Tagung einen Einblick in die Erinnerungsarbeit in Italien und Deutschland.  Mehr als einhundert Teilnehmende waren bei den drei Veranstaltungen der Bayreuther Gespräche aus dem  Bundesgebiet und dem Ausland interessierte Gäste der Stiftung. Wie von Anbeginn an wurden die Gespräche  auch heuer wieder gemeinsam mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit und mit  Unterstützung der Stadt Bayreuth sowie dem Förderverein Leuschner-Zentrum durchgeführt. Hinzu kamen bei  den diesjährigen Veranstaltungen die Kooperation mit Arbeit und Leben Bayern, dem DGB Oberfranken und  dem Zamirchor. Zentraler Ausgangspunkt war der siebzigste Todestag von Wilhelm Leuschner, der am 29.  September 1944 in Berlin-Plötzensee von den NS-Schergen ermordet wurde. Diesmal war die Brücke zur  Erinnerungsarbeit in Europa der gewerkschaftliche Widerstand in der italienischen Region um La Spezia und  der angrenzenden Toskana und Leuschners Widerstandnetz gewerkschaftlicher Vertrauensleute im Jahr 1944  im Deutschen Nationalsozialismus. Zugleich mit dem siebzigsten Todestag jährten sich auch die SS-Massaker  in den Alpi Apuane zum siebzigsten Mal. Im Frühjahr und Sommer 1944 wurden von den SS-Soldaten in den  Bergen in der Nähe von La Spezia zivile Geiseln massenhaft ermordet. Über diese Ereignisse berichteten die  Vertreter von italienischen Opferverbänden in La Spezia (Ligurien) und Fivizzano (Toskana) über den Aufstand  der Arbeiterschaft gegen das NS-Besatzungsregime und die italienischen faschistischen Behörden der  ‚Republica Sociale Italiano’ Benito Mussolinis und stellten dabei die heutigen Gedenkorte in der Umgebung  von La Spezia vor. Bei der Begrüßung durch Hans-Otto Hemmer, den Vorsitzenden des  Stiftungsrats, wies dieser auf die langjährige Tradition der Bayreuther Gespräche hin und auf den dies-jährigen  Anlass zum Andenken an den Todestag Leuschners hin. Er betonte, dass die Bayreuther Gespräche ganz im  Zeichen des europäischen, insbesondere des italienischen, Freiheitskampfes gegen Faschismus und Nationalsozialismus  stehen. Daraus ergeben sich spezifische Konsequenzen und Lehren für unsere Gegenwart wie wir  sie auch dem Vermächtnis Leuschners entnehmen können. Er wies weiter darauf hin, dass die WLS es sich  weiterhin zur Aufgabe mache, dieses große und ehrenvolle Erbe Leuschners zu bewahren und für Gegenwart  und Zukunft zugänglich und nutzbar zu halten. Der zweite Bürgermeister der Stadt Bayreuth, Thomas Ebersberger,  begrüßte die versammelten  Gäste der Veranstaltung im Namen  der Schirmherrin, Oberbürgermeisterin  Brigitte Merk-Erbe, und wies auf  die Verdienste der Leuschner-  Stiftung für die Vertiefung der Partnerschaft  zwischen Bayreuth uns La  Spezia hin. Er betonte, die Verpflichtung  der Stadt Bayreuth, dass Erbe  Leuschner gemeinsam mit der  Stiftung wach zu halten. Die Rede  zum Vermächtnis Leuschners hielt,  anstelle des kurzfristig erkrankten  DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann, der bayerische DGB-Bezirksvorsitzende Matthias Jena. In seiner Rede  über Leuschners Wirkung für die deutsche Gewerkschaftsbewegung und die Grundlagen für ein soziales  Europa wurde vor allem das Vermächtnis der Einheitsgewerkschaft als bleibendes Erbe des  gewerkschaftlichen Widerstands herausgestellt. Neben dem gewerkschaftlichen Widerstand des Netzwerks  Leuschners behandelten die drei italienischen Referent_innen die Verfolgung und den Widerstand um La  Spezia und der angrenzenden Alpi Apuane im Sommer 1944 sowie den gewerkschaftlich organisierten  Widerstand der italienischen Arbeiterschaft in der Region. Der Vertreter des historischen Instituts des  Widerstands von La Spezia, Fabrizio Dellepiane, skizzierte in seiner Rede den Widerstand der Gewerkschaf ten in der Umgebung und der Stadt La Spezia im März 1944. In der ersten Märzwoche fanden in den Regionen  Piemont, Ligurien und der Lombardei Generalstreiks statt. Acht Tage lang wurden die großen Industriestandort  Mailand, Genua und Turin lahm gelegt, dann breitete sich der Streik auf andere Regionen aus: Emilia  Romagna, Venetto und Toskana. Zwei Millionen Arbeiter_innen nahmen an der Bewegung teil, die von großen  Demonstrationen von Bauern und Landfrauen in den ländlichen Gebieten unterstützt wurden, vor allem in der  Emilia Romagna. Die Forderung der Arbeitschaft bestand in dem Versuch die repressiven Maßnahmen der  faschistischen italienischen Polizei und der deutschen SS zu beseitigen. Sie forderten Lohnerhöhungen,  wandten sich gegen die Kriegswirtschaft und kämpften ausreichende Nahrung. Die großen Industriellen  Verweigerten die Verhandlungen mit den Arbeitern, sie solidarisierten sich mit der deutschen Besatzung und  gaben dieser oftmals sogar die Liste der Streikenden. Weiterhin ging der Referent auf die Streikmaßnahmen in  La Spezia ein, bei dem tagelang die Kriegsindustrie in der Stadt lahm gelegt wurde. In La Spezia beteiligten  sich mehr als 10.000 Arbeiter_innen an den Streikmaßnahmen. Im Anschluss an das Referat von Fabrizio  Dellepiane stellte die Vorsitzende der Vereinigung der Angehörigen der Opfer, Doriana Ferrato, die  Maßnahmen der deutschen Besatzung gegen die Zivilbevölkerung in La Spezia dar. Ihr Vortrag befasste sich  mit den Deportationen durch die SS im Zeitraum von 1943 bis 1945. Allein aus La Spezia wurden 585  Menschen in die Konzentrationslager der Nationalsozialisten verschleppt, davon kehrten 235 nicht mehr  zurück und starben in den Lagern. Die Verschleppung erfolgte zuerst in ein Konzentrationslager in Bozen und  anschließend in Lager in Oberösterreich (Mauthausen) und auch nach Dachau, Flossenbürg und anderen  berüchtigten Lagerorten. Der Journalist Roberto Oligeri befasste sich in seinem Vortrag mit den besonders  grausamen Vergeltungsaktionen der SS in den Alpi Apuane im Sommer 1944, bei denen die SS-Truppen als  angebliche Vergeltungsaktionen für Partisanenangriffe auf deutsche Truppen jeweils für einen gefallenen  deutschen Soldaten zehn zivile Geiseln erschießen ließen. Er schilderte insbesondere auch die Ermordung  seiner Geschwister in dem Dorf San Terrenzo Monti und befasste sich mit der Aufarbeitung dieser Gräueltaten  der SS in der Nachkriegszeit. Die drei Schilderungen der italienischen Referent_innen belegten eindrucksvoll  wie tief die Wunden der Verbrechen der deutschen Besatzung bis heute nachwirken und verdeutlichen  zugleich die beeindruckenden Gesten der Verständigung durch unsere europäischen Nachbarn. In der  anschließenden Diskussion wurde die Verarbeitung des NS-Terrors im heutigen Italien und in Deutschland mit  den italienischen Referent_innen behandelt. Unter der Moderation von Beate Michl von der Bayerischen  Landeszentrale für Bildungsarbeit entspann sich ein interessanter Diskurs über die Erinnerungsarbeit und die  gesellschaftliche Aufarbeitung der historischen Ereignisse in Deutschland und Italien. Die Bayreuther Gespräche  waren der Auftakt für ein Jugendprojekt der WLS, das durch das Gedenkstättenprogramm des Bundes  und des Landes Bayern ab 2015 finanziert werden und Schulklassen aus Italien und Deutschland zur gemeinsamen  Erinnerungsarbeit zusammen führen soll. Es ist geplant, die Erinnerungsorte in La Spezia, wo an die  Opfer der Massaker und der Deportierten in deutsche Konzentrationslager gedacht wird und Erinnerungsorte  in der Region Oberfranken aus der NS-Zeit in einem Projekt zu dokumentieren und für den Schüleraustausch  lebendig werden zu lassen. Materialien in deutsch und italienisch zu den einzelnen Stationen des Gedenkens  in Italien und Deutschland sollen für zukünftige Austauschprogramme erarbeitet werden. Hierzu werden die  seit 2010 zwischen der WLS und den Vertretern der Stadt La Spezia und andere Orte in der Region entstandenen  Kontakte weiter vertieft und der gegenseitige Austausch von Gruppen ausgeweitet werden. Im Anschluss  an die vierstündige Nachmittagsveranstaltung fand ein Empfang der Stadt Bayreuth für die Gäste der  Bayreuther Gespräche statt, dem sich ein einstündiges Konzert des Zamirchors Bayreuth anschloss. Die  Benefizveranstaltung zugunsten der Gedenkstättenarbeit der WLS stellte in den Mittelpunkt der vorgetragenen  Lieder eine Komposition des jüdischen Komponisten Peter Noa, der 1909 in Nürnberg geboren wurde und von  den Nationalsozialisten verfolgt wurde. Das Lied, das der Zamirchor vortrug, trug den Titel „Frieden, Freiheit,  Arbeit und Brot“ und war damit eine treffende Erinnerung an den Widerstandskampf Wilhelm Leuschners.

 
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