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17 | 12 | 2018
9. Bayreuther Gespräche -Diskussion zur aktuellen Forschung über Wilhelm Leuschners Widerstandstätigkeit von 1933 bis 1944 Drucken E-Mail

Dr. Axel Ulrich (re.), W. Hasibether (mitte), B. Distel (li.)In der rund zweistündigen Veranstaltung mit mehr als zwanzig Teilnehmenden wurden in der Diskussion zwischen Dr. Ulrich (rechts) und Wolfgang Hasibether (mitte) die Zuhörenden über den aktuellen Stand der Forschung über Leben und Wirken von Wilhelm Leuschner informiert. 

Zu Beginn der Gespräche stellte Dr. Axel Ulrich sein neues Buch vor „Wilhelm Leuschner – ein deutscher Widerstandskämpfer“, erschienen im Thrun-Verlag Wiesbaden 2012. Die Veröffentlichung beschäftigt sich mit der Widerstandstätigkeit Leuschners von 1933 bis 1944 und stellt den vorläufig aktuellsten Stand der Forschung für diesen Zeitraum dar. Es beleuchtet insbesondere den Aufbau des Widerstandsnetzes von ehemaligen Gewerkschafts- und Parteifunktionären im gesamten Reichsgebiet. Das bisher nur von wenigen Forschern beleuchtete Widerstandsnetz geht auf die Grundthese von Gerhard Beier aus den 1970er Jahren zurück. Dieser bezog sich auf die erstmals von Hans Rothfels 1949 in seiner Veröffentlichung „Die deutsche Opposition gegen Hitler“ vorgetragenen Feststellung von einem weit verzweigten Netz von Verschwörern gegen das Hitlerregime. Rothfels Feststellung basiert empirisch auf der Veröffentlichung von Emil Henk aus dem Jahr 1946, der zum ersten mal als Mitstreiter Leuschners im Widerstandsnetz von mehreren tausend im Untergrund bereitstehenden Kämpfern dieses Netzwerks gesprochen hatte. Diese Aussage wurde jahrzehntelang mit der Ausnahme Beiers nicht in die akademische Widerstandsforschung aufgenommen. Es ist inzwischen allerdings nach Ulrichs Aussage unbestreitbar, dass Wilhelm Leuschner nicht der Kopf einer kleinen Widerstandsgruppe von Gewerkschaftern und überwiegend Sozialdemokraten, sondern der Organisator einer in weite Bevölkerungskreise und soziale Schichten reichende Widerstandsbewegung gewesen ist. Nicht zuletzt die in mehr als 400 deutschen Kreis- und Hauptstädten unmittelbar nach Kriegsende im April bzw. Mai 1945 gebildeten antifaschistischen Ausschüsse zur Entnazifizierung bestätigen diese Untergrundorganisation. Dies deshalb, weil Überlebende aus dem Widerstandskampf gegen Hitler die Entnazifizierung der deutschen Gesellschaft zur Aufgabe hatten. Die Mitglieder dieser Antifa-Ausschüsse stammten zum großen Teil aus verfolgten Gewerkschaftern und Funktionären der Arbeiterparteien, die den Kampf gegen das Hitlerregime überlebt hatten. Viele von ihnen gehörten der Widerstandsorganisation Leuschners an. Die jahrzehntelangen Forschungen Dr. Ulrichs belegen durch akribische Archivforschung die These von Gerhard Beier, wenn auch die Zahlen über die Größe der Widerstandsorganisation weiterer Forschung bedürfen. Das Fazit seiner Ausführungen bei den Bayreuther Gesprächen bedeutet die Widerlegung der These von einem kleinen Kreis idealistischer Verschwörer, die einer Mehrzahl von deutschen Anhängern und Mitläufern der Nazibewegung gegenüber standen. Der Widerstand gegen das Naziregime reichte tief in die deutsche Gesellschaft.  

Im Anschluss an Dr. Ulrich berichtete Wolfgang Hasibether über den wissenschaftlichen Stand seiner zur Zeit in Arbeit befindlichen Biographie über Wilhelm-Leuschner und den Aufbau eines Archivs im Wilhelm-Leuschner-Zentrum Bayreuth. Dieses Projekt wird seit Mitte 2013 von der Hans-Böckler-Stiftung finanziell gefördert. Bis 2015 soll das Wilhelm-Leuschner-Zentrum als Pendant zur Wilhelm-Leuschner-Gedenkstätte in Bayreuth das Archiv des Nachlasses Leuschners mit einer Dauerausstellung aufgebaut sein. Hierzu wird der im Besitz der Wilhelm-Leuschner-Stiftung befindliche Nachlass in Zusammenarbeit mit dem im Hessischen Staatsarchiv beheimateten Teilnachlass Leuschners digital zusammen geführt und im Leuschner-Zentrum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zugleich soll Mitte 2015 zum 125. Geburtstag Leuschners die auf dem Archiv basierende Biographie Leuschners veröffentlicht werden. Das Wilhelm-Leuschner-Zentrum wird ab diesem Zeitpunkt ein wichtiger Kristallisationspunkt für die Erforschung des Widerstandes der deutschen Arbeiterbewegung gegen Hitler sein. Damit wird in einem der ehemaligen ideologischen Zentren des Hitlerregimes ein Kontrapunkt der Aufarbeitung der deutschen Geschichte gesetzt.

In der anschließenden Diskussion wurde intensiv über die Möglichkeiten der Leuschner-Forschung gesprochen. Im nächsten Jahr werden sich die 10. Bayreuther Gespräche anlässlich des 70. Todestages Leuschners mit dem Thema „Zwischen Leid und Unbeugsamkeit“ im europäischen Widerstand beschäftigen. Dies wird eine weitere Etappe im Aufbau des Leuschner-Zentrums sein und dabei, wie schon in den vergangenen Jahren, die Partnerstädte Bayreuths in Frankreich, Italien und Tschechien mit einbeziehen.

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