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OFFENER BRIEF DES VORSTANDS DES FÖRDERVEREINS AN DR. MICHAEL HOHL

Offener Brief zum Artikel „Gedenkstätte bleibt im Leuschner-Haus“, NBK vom 14.12.2011

Sehr geehrter Herr Dr. Hohl,

auf den ersten Blick klingt es wie eine Freudenbotschaft kurz vor Weihnachten: die Gedenkstätte bleibt im Leuschner-Haus, weil die Stadt das Mietverhältnis bis Ende 2016 bzw. 2021 gesichert habe. Sie werden mit den Worten zitiert, die Stadt sei sich der herausragenden Bedeutung Leuschners bewusst. Der neue Mietvertrag gewährleiste, dass auch weiterhin in seinem Geburtshaus der politischen Lebensleistung gedacht werden könne.

Leider ist damit wenig bis nichts gewonnen.

Gedenken bedeutet an jemand denken, um ihm/ihr begegnen zu können. Welche Möglichkeiten bietet die Gedenkstätte, um Wilhelm Leuschner und seiner Lebensleistung begegnen zu können?

Sie ist der unverzichtbare historische Ort seiner Bayreuther Kindheit und Jugend. Darüber hinaus kann man sich in vier Ausstellungsräumen mit einem biographischen Dokumentarfilm und Dokumenten aus dem Leben Wilhelm Leuschners auseinandersetzen, die aus dem Besitz der Wilhelm-Leuschner-Stiftung zur Verfügung gestellt wurden.

Diese Ausstellung wurde maßgeblich von der Wilhelm-Leuschner-Stiftung konzipiert und eingerichtet und nicht von der Stadt Bayreuth im Alleingang.

Im Jahr 2011 setzten sich über 3000, meist junge Menschen mit der Beispiel gebenden und Mut machenden Biographie Wilhelm Leuschners im Rahmen von über 120 pädagogischen Veranstaltungen der Stiftung auseinander. Maßgeschneiderte Angebote gibt es für alle Bildungseinrichtungen – von der Grundschule bis zur Universität. Führungen finden statt in mehreren Sprachen bis hin zur Gebärdensprache. Interessierte „Laufkundschaft“, die sich außerhalb solcher Veranstaltungen für Leuschner interessiert, gibt es vergleichsweise wenig. Lehrer, Leiter von Jugendgruppen und Teilnehmer der angebotenen Seminare und Zeitzeugengespräche äußern sich ausnahmslos positiv zum pädagogisch-didaktischen Angebot.

Grundlage jeder verantworteten pädagogischen Arbeit ist die wissenschaftliche Erforschung der Biographie Wilhelm Leuschners und die darauf fußende Entwicklung der didaktischen Konzepte. Auch diese Grundlagenarbeit erbringt und kann nur die Wilhelm-Leuschner-Stiftung erbringen.
Zeitzeugengespräche mit Überlebenden der nationalsozialistischen Massenvernichtung werden von der Stiftung nicht nur organisiert, sondern auch dokumentiert.

Ein jährliches Highlight gerade für die Städtepartnerschaften Bayreuths, stellen die von der Stiftung veranstalteten „Bayreuther Gespräche“ zur europäischen Erinnerungskultur dar. Mit ihren im Rahmen dieser Arbeit entstandenen Kontakten findet die Person Leuschners und gleichzeitig auch die sonst in düsterem historischem Kontext wahrgenommene Stadt Bayreuth international positive Beachtung.

Kurz zusammen gefasst: Gedenken, Begegnung und Lernprozess historischer und demokratischer Erziehungsarbeit sowie das hohe Niveau des Angebots im Rahmen der Gedenkstätte werden einzig und allein durch die seit zehn Jahren kontinuierliche Arbeit der Wilhelm-Leuschner-Stiftung garantiert.

Dieses unverzichtbare Bayreuther Angebot für den Erhalt der demokratischen Zivilgesellschaft ist existentiell dramatisch bedroht. Man bedenke, dass die Räume der Gedenkstätte ohne die Arbeit der Wilhelm-Leuschner-Stiftung im besten Fall den Wert einer kaum beachteten Gedenktafel besitzen. Für dieses reiche pädagogische Angebot zahlt die Stadt Bayreuth jährlich einen Zuschuss von bisher maximal 4500 Euro. Die Stiftung wird gleichgesetzt mit anderen kulturellen und gesellschaftlichen Initiativen, die jedoch zum großen Teil im Gegensatz zur Stiftung über eine Grundfinanzierung verfügen.

Somit ist die vermeintliche Frohbotschaft von der Verlängerung des – völlig überteuerten – Mietvertrags mit einem privaten Vermieter in Wirklichkeit leider keine. Der – ebenfalls völlig überteuerte – Mietvertrag für die Räume der Wilhelm-Leuschner-Stiftung läuft dessen ungeachtet zum 30.06.2012 aus.

Das bedeutet nicht nur eine massive Gefährdung des Leuschner-Archivs, sondern wohl auch das endgültige Aus für die pädagogische Arbeit der Leuschner-Stiftung in der Wilhelm-Leuschner-Gedenkstätte.

Sehr geehrter Herr Dr. Hohl, Sie blieben uns bis jetzt eine Antwort schuldig, was die Stadt zur Erhaltung einer lokal, national und international anerkannten Gedenkstättenarbeit, die diesen Namen auch verdient, zu tun gedenkt.

Die Vorsitzenden des Fördervereins Leuschner-Haus

Peter Weintritt und Janna Münch

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