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15 | 12 | 2017
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Wilhelm Leuschner - Ein Leben für die soziale Demokratie

von Wolfgang Hasibether 


Wilhelm Leuschner (copyright)Wilhelm Leuschner, am 15. Juni 1890 in Bayreuth als Sohn eines Töpfers geboren, erlernt das Holzbildhauerhandwerk. Im Mai 1907 tritt er in Bayreuth dem Zentralverband der Holzbildhauer Deutschlands bei und geht auf Wanderschaft. Über Stationen in Sachsen kommt er im Mai 1908 nach Darmstadt. Er wird dort Vorsitzender im Holzbildhauerverband und 1914 auch stellvertretender Vorsitzender des Gewerkschaftskartells. Im Ersten Weltkrieg im Fronteinsatz wird er nach der Rückkehr 1919 Vorsitzender der Darmstädter Gewerkschaften, deren politischer Sekretär und zieht kurz darauf als SPD-Abgeordneter in den Stadtmagistrat Darmstadt und ins Provinzparlament Starkenburg ein. Im Dezember 1924 wird er in den hessischen Landtag gewählt. Er befasst sich mit den Staatsfinanzen und treibt die Umgestaltung der Polizei zu einer republikanischen Schutztruppe voran. Er gründet die Volkshochschule Darmstadt und ist 1923 Mitinitiator des Georg-Büchner-Preises. Leuschner musste seine Bildung wegen der Klassenschranken des Kaiserreichs weitgehend autodidaktisch erwerben. Deshalb ist sein Ziel nicht Elite- sondern Volksbildung als staatliche Aufgabe.


Seit Februar 1928 hessischer Innenminister, holt Leuschner gleichgesinnte Mitstreiter in sein Ministerium. Der Mainzer Jurist Ludwig Schwamb wird Staatsrat, der Publizist Carlo Mierendorff Pressesprecher. Sie sind später auch Mitstreiter im Widerstand gegen das NS-Regime. Gemeinsam entwickeln sie eine fortschrittliche hessische Innenpolitik, deren Höhepunkt die Neufassung der Gemeindeordnung ist. 1929 macht Leuschner Vorschläge zur Neuordnung des Reichsgebietes und zur Weiterentwicklung der Weimarer Reichsverfassung mit der Richtung: "Das Ziel heißt, aus der politischen die soziale Demokratie zu machen", was ihn zum bekanntesten Weimarer Innenpolitiker macht. Als hessischer Verfassungsminister ist er erbitterter Gegner der Nationalsozialisten. Im November 1931 enthüllt er das so genannte "Boxheimer Dokument". Es enthält Beweise, wie die Nationalsozialisten die Demokratie durch Ausnahmerecht und Standgerichte abschaffen wollen. Leuschner drängt vergebens zur Hochverratsanklage gegen Adolf Hitler und seine Partei. Die Republik bleibt auf dem rechten Auge blind. Im November 1932 gibt Leuschner Leiparts Drängen zur Rückkehr in den Gewerkschaftsbund nach. Am 21. Januar 1933 wählt ihn der Bundesausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) zum Vorstandsmitglied. Zur selben Zeit ist er in Genf für den ADGB beim Internationalen Arbeitsamt (IAA). Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler die politische Macht übertragen. Leuschners Widerstand und der seiner Mitstreiter gegen die Nazis ist gescheitert.


Im Februar 1933 muss Leuschner sein Ministeramt auf Druck der Nazis zum 1. April 1933 aufgeben. Nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 übernehmen die Nationalsozialisten endgültig die Macht in Hessen. Leuschner geht zum ADGB nach Berlin. Mit Führern der christlichen und liberalen Gewerkschaften beraten Leipart, Graßmann und Leuschner Ende April 1933 den "Entwurf des Führerkreises der vereinigten Gewerkschaften". Er gilt als Dokument der Anpassung der deutschen Gewerkschaften. Die Illusion über eine kurze Dauer der Hitler-Regierung nährt die falsche Hoffnung der Gewerkschaftsführung mit einer Einheitsorganisation der Gleichschaltung durch die Nazi-Herrschaft zu entgehen. Die Bildung der Einheitsgewerkschaft wird von den Nazis durch die Zerschlagung der Gewerkschafts-bewegung am 2. Mai 1933 verhindert und bleibt Leuschners Aufgabe in den kommenden Jahren des gewerkschaftlichen Widerstands.


Sitzung d. Internationalen Arbeitsamtes in Genf mit Wilhelm Leuschner. (copyright)Am 2. Mai werden er und der ganze Bundesvorstand des ADGB von der SA verschleppt. Nach wenigen Tagen freigelassen, fordert Robert Ley, der Führer der NS-Organisation "Deutsche Arbeitsfront" (DAF), von Leuschner Unterstützung, die DAF als Vertretung der deutschen Arbeiterschaft beim IAA zu legitimieren. Leuschner verlangt dafür die Freilassung des Bundesvorstandes. Nach der teilweisen Erfüllung seiner Forderung fährt er nach Genf. Dort beugt er sich jedoch Ley nicht und schweigt beharrlich. Informell macht er den versammelten internationalen Gewerkschaften die Untaten des NS-Regimes deutlich. Leuschners konsequente Haltung, die keine Anpassung kennt, stößt auf die Rache der Nazis. Er wird sofort verhaftet, als er gegen den Rat von Freunden am 15. Juni 1933 nach Deutschland zurückkehrt. Eine einjährige Kerkerzeit in Gefängnissen und Konzentrationslagern beginnt. Sein solidarischer Umgang mit Leidensgenossen unterschiedlicher politischer Orientierung ist historisch verbürgt.

 

Am 10. Juni 1934 wird er aus dem KZ Lichtenburg bei Torgau entlassen. Sofort trifft er in Berlin den christlichen Gewerkschafter Jakob Kaiser und besiegelt den illegalen gewerkschaftlichen Widerstand im Geiste der 1933 geplanten Einheitsorganisation. Sie stimmen darin überein, dass die Spaltung der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung den Sieg der Nazis über Freiheit und Recht mit verschuldet hat. Der Einheitsgedanke wird zum moralischen Fundament des gewerkschaftlichen Widerstands gegen das NS-Regime.


Zum Überleben gründet Leuschner 1936 in Berlin eine Firma, die zugleich geheime Zentrale des illegalen Netzes gewerkschaftlicher Vertrauensleute im ganzen Reichsgebiet ist. Sie sollen nach Hitlers Sturz die neue Ordnung gestalten. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 baut er Brücken zu den anderen weltanschaulichen Widerstandsgruppen. Die Militärs, die sich ab 1938 um Generaloberst Ludwig Beck formieren, und die Nationalkonservativen um Carl Goerdeler, dem ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister, sind die wichtigsten Widerstandskreise aus adeligen und bürgerlichen Schichten, die anfänglich mit dem Hitler-Regime verstrickt waren, während die Arbeiterbewegung und ihre Symbolfigur Leuschner schon vor 1933 die Nationalsozialisten bekämpften. Leuschner stellt jetzt alle ideologischen Vorbehalte zurück und versucht zum Sturz Hitlers eine breite Front bis zu Widerstandskreisen im NS-Regierungsapparat aufzubauen. Ab 1942 knüpft er Kontakt zum "Kreisauer Kreis" um Graf Moltke und auch die Annäherung an den kommunistischen Widerstand findet mit Hilfe des ehemaligen Reichstagsabgeordneten Julius Leber statt.


Nachdem einige Attentatsversuche gegen Hitler gescheitert sind, bereitet ab Herbst 1943 Oberst Graf Stauffenberg für die Militärs den Umsturz vor. Leuschner trifft ihn einige Male und gemeinsam mit Julius Leber finden sie Annäherung in den Überlegungen zum Aufbau der zukünftigen Gesellschaftsordnung. In seinen Konzepten befasst sich Leuschner mit zentraler Wirtschaftslenkung, dem "Recht auf Arbeit" und der 40-Stunden-Woche. Er fordert die Mitbestimmung der Arbeiterschaft auf allen Gebieten des sozialen und wirtschaftlichen Lebens. Die von ihm konzipierte Einheitsgewerkschaft soll diese verwirklichen. Sein Denken spiegelt das Programm der Wirtschaftsdemokratie des ADGB aus den 1920er Jahren wider. Er will den Kollektivismus totalitärer Systeme und den Subjektivismus des liberalen Kapitalismus überwinden und formuliert die Vision vom "Personalen Zeitalter" in dem Menschenwürde und -rechte im freiheitlichen Sozialismus ihren gesellschaftlichen Ausdruck finden.


Ohne das von Leuschner geknüpfte illegale Netz gewerkschaftlicher Vertrauensleute würden die Militärs den Umsturz nicht versuchen. Er macht aus ihrem "Widerstand ohne Volk" den "Widerstand aus dem Volk". Mit einer Rede im Reichsrundfunk soll Leuschner nach der Aktion der Militärs den Umsturz durch Massenaktionen absichern und in einer Übergangsregierung als Vizekanzler neben dem Vorsitz der "Deutschen Gewerkschaft" eine Schlüsselposition einnehmen. Am 20. Juli 1944 unterzieht sich Leuschner einer kleinen medizinischen Behandlung und wartet auf den Putsch der Militärs, dessen genauen Termin diese nicht mitteilen können. Den Radiomeldungen am Abend entnimmt er das Scheitern des Attentats auf Adolf Hitler und versteckt sich in Berlin. Eine Nachbarin denunziert ihn an die Gestapo und am 16. August 1944 wird er verhaftet. Am 7. und 8. September 1944 steht er gemeinsam mit Goerdeler vor dem "Volksgerichtshof" des furchtbaren NS-Juristen Roland Freisler. In einem Schauprozess ergeht das Todesurteil und am 29. September 1944 wird Wilhelm Leuschner in Berlin-Plötzensee ermordet. Das Vermächtnis seines aufrechten Ganges lautet: "Schafft die Einheit".

 

© Alle Fotos: Wilhelm-Leuschner-Stiftung, Bayreuth

 

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